Übersicht Nibelungensage

... niemand aber wird leugnen können, daß die Wahrheit auf der Lüge aufgebaut - und daß eine Kette von Lügen eine Kette großer, guter, dann aber notwendig tragischer Schicksale heraufführt ...

Aus Xanten in den Niederlanden zieht ein Königssohn in die Welt. Er heißt Siegfried, Sohn des Siegmund und der Sieglinde. Wölsunger-Blut fließt in seinen Adern, und ungewöhnliche, nicht übernatürliche Kräfte sind ihm verliehen. Er zieht hinaus, um Kriemhild, die in allen Landen gelobte Schwester des Burgunderkönigs Gunther, zu gewinnen. So, nach mancherlei Abenteuer, trifft er, wie ein junger Gott an zusehen, eines Tages in Worms ein.

Er ist nicht nur ein schöner junger Mann, auch eine gute Partie sozusagen. Denn unterwegs hat er den Nebelkönigen, den Nibelungen, den Hort entrissen und sie selber erschlagen, als sie untereinander zu zanken nicht aufhören wollten, nachdem sie ihm, als dem Schiedsmann, schon das Schwert Balmung verehrt hatten. Damit nicht genug, hat er dem Zwerg Alberich, dem Schatzhüter, die Tarnkappe genommen, die ihn unsichtbar machen und ihm jede Verstellung ermöglichen kann. Er weiß noch nicht, daß ein doppelter Fluch in die Unschuld seiner Welt eingebrochen ist: die Lüge und das Gold.

Frohgemut zieht er weiter , erschlägt auch den Drachen mit Balmung, dem Schwert, und badet im Drachenblut, das ihn unverwundbar gemacht hätte, wäre nicht ein Lindenblatt vom Baum auf seine Schulter getaumelt. So bleibt er an dieser Stelle verwundbar. Siegfried, am Wormser Hofe, gefällt - und glüht, als er nun Kriemhild mit Augen und Sinnen sehen darf. Auch Kriemhild glüht ihrem Helden entgegen. Aber eine Bedingung ist an den Preis der Königsschwester geknüpft. Der starke Siegfried soll dem schwächlichen oder wenigstens zarten Gunther helfen, seinerseits ein Weib zu gewinnen. Es ist Brunhild, die hoch im Norden auf der Burg Isenstein residiert und ihr Magdtum gegen jeden Freier auf Leben und Tod verteidigt. Brunhild ist die Walküre, die Wotan in den Flammenwall eingeschlossen hat. Diese "Waberlohe" hat Siegfried durchstürmt, Brunhild befreit, sich ihr vermählt und sie durch den "Vergessenstrunk" ohne Erinnerung verlassen. Von diesem Siegfried ist im Text unseres Liedes nicht mehr die Rede. Der Mythos ist von ihm abgefallen - nicht so von Brunhild. Sie hat die übernatürlichen Kräfte der Walküre bewahrt und über das Meer blickt sie nach dem "hehrsten Helden der Welt" aus, der ihr bestimmt ist, der als einziger zu ihr gehört, wie sie zu ihm. Das mythische Wissen sagt ihr, daß es Siegfried ist ...

Zu Worms indessen bereitet man den Betrug vor. Drei Kraftproben fordert Brunhild: den Steinwurf, den Sprung, den Lanzenkampf. Alle drei soll Siegfried, unsichtbar durch Tarnkappe, für den König oder besser mit ihm zugleich ausführen, indem er ihn in den Sprung reißt, mit Gunthers Arm den zentnerschweren Felsstein schleudert oder die Lanze schwingt. Dieser Betrug ist die Ursache für den unausdenkbaren Schmerz den Brunhild empfunden haben muß, als sie ihren hehren Helden unter den Burgundern entdeckt, beseligt den Tag der Erfüllung gekommen sieht, ihm entgegen fliegen will und, tödlich enttäuscht, erkennen soll, daß Gunther der Freier ist, Siegfried nur der "Dienstmann" und der "Eigenholde", der den König begleitet, ohne sie zu beachten - eine grausame und furchtbare Situation. Brunhilds Beseligung schlägt in Haß um. Der Haß wächst, als sie zum ersten Male in ihrem mythischen und irdischen Dasein von einem Mann im Dreikampf besiegt wird. Mit dieser Niederlage beginnt Brunhilds tragischer Weg, wie sie die eigentliche und einzige tragische Heldin des Liedes ist, weil sie unverschuldet in ihr Schicksal verstrickt wird.

Fassungslos, an sich irre, folgt sie den Burgundern nach Worms. Hier, wo sie Königin werden soll, will sie verhindern, daß der König seine Schwester einem Dienstmann gibt. Aber Gunther weiß, was er dem Drachentöter schuldig ist, der aus Treue zu ihm, aus Treue auch zu Kriemhild, in den Betrug an Brunhild eingewilligt hat. Die Doppelhochzeit wird ausgerichtet. Es folgt eine Szene, wie sie kaum je in der Weltdichtung geschrieben worden ist: Brunhild verweigert Gunther das Beilager. Ihr Walkürenring, ihr magischer, magdlicher Gürtel geben ihr übernatürliche Kräfte, jeden Mann abzuwehren der nicht Siegfried ist. Und als Gunther seinen Liebessold immer von neuem einklagt, kennt ihr Zorn keine Grenzen. Sie bindet ihn mit seinem eigenen Gürtel und hängt ihn an einen Nagel an der Wand, bis er um Gnade bettelt, um am anderen Morgen nicht von den Burggenossen verspottet zu werden. Wenn der Betrug im Kampfe noch etwas wie eine Kriegslist sein könnte, so ist Vebrechen an der Frau, was jetzt geplant wird. Siegfried soll die Widerspenstige zähmen, ohne zu nehmen, was nur dem Ehemann zusteht. Wieder von der Tarnkappe geschützt, wird er die Brautnacht für den König bereiten. Dem tumben Manne aus den Niederlanden geht es um Ring und Gürtel der Frau - um weiter nichts. Niemals aber musste er sich seiner Haut wehren, wie in jener Nacht. Es ist eine Balgerei im Gange, deren auch der starke Held sich nicht versehen hat, und wenig fehlt, daß auch der Pseudo-Gunther im matt erleuchteten Schlafgemach am Nagel der Wand landet. Dann, mit letzter Kraft, entreißt er der "Riesin" Gürtel und Ring. Im gleichen Augenblick wird die Walküre zur Menschenfrau - und schwach. Sie unterwirft sich ihrem Eheherrn, der erntet, wo er nicht gepflügt.

Nicht aber scheint es wohlgetan, wenn ein junger Ehemann nächtens das Lager der eben Angetrauten ohne Angabe von Gründen verläßt. So denkt auch Kriemhild. Von ihr peinlich ausgeforscht und um Treue willen, die er ihr gewahrt hat - vielleicht auch gutbürgerlich aus der Angst der Männer vor dem Redestrom der Frau -, begeht Siegfried das todeswürdige Verbrechen des Eidbruchs. Er verrät den Schwur, durch den er und Gunther und Hagen ewiges Schweigen gelobt haben. Er schwatzt das Geheimnis aus. Und um Kriemhild vollends zu versöhnen, schenkt er ihr Brunhilds Gürtel und Ring. Damit ist die Tragödie der Nibelungen im Zuge, doch noch schwelt sie nur. Für zehn Jahre fällt der Vorhang über Treue und Verrat.

Dann, als die Zeit erfüllt ist, laden Gunther und Brunhild Schwester und Schwager aus Xanten nach Worms. Es ist die Verwandtenreise ohne Wiederkehr. Der schwelende Brand bricht aus ... Er schafft die erste große Frauenszene des Mittelalters: das Rededuell der Königinnen um Siegfrieds willen. Es spitzt sich bedrohlich zu, als beide um den Vortritt in den Dom zanken. Die Königin will dem Weibe des "Dienstmanns" und "Eigenholdes" Siegfried den Vortritt verweigern. Da fällt das furchtbare Wort der Kriemhild: Das eheliche Weib gehe vor ihres Mannes Kebse. Das ist der Donnerschlag, der Untergang einer Welt. Brunhild, in den Wurzeln ihres Daseins getroffen, erstarrt. Das nie zu begreifende Geheimnis ihrer Niederlage ist am Tag: Man hat sie verraten, entwürdigt, beschmutzt. Und Kriemhild, in weibchenhafter, sehr törichter Eitelkeit, steigert ihren Triumph noch, indem sie der Königin Ring und Gürtel zeigt, die Siegfried ihr geraubt hat.

Das schuf gar großen Haß.
Drob wurden lichte Augen
dereinst noch allzu trüb und naß.

Man hat uns gelehrt: Hagen sei der Mörder. Hagen ist der Rächer. Und wenn Siegfried bis zum Tode am Quell der Knabe ist, dessen zauberhafte Knabenhaftigkeit bei der Jagd im Odenwald noch einmal und ein letztes mal die "Tumpheit" und die Plumpheit seiner Verräterei vergessen macht - Hagen ist der Mann über alle Männer. Für die Todsünde des Verrats gibt es nur den Tod. Ihn ist er seiner Königin aus Lehnstreue schuldig. Er wird ihn an Siegfried vollziehen.

Aber für die Lehnstreue braucht es eine neue Lüge. Man muß einen Krieg erfinden, um bei Kriemhild die einzige Stelle zu erkunden, wo Siegfried verwundbar ist. Dort will man ihn schützen. Jetzt ist es ein barmherziger Verrat, zu dem Kriemhild sich bereit findet. Sie näht ein Kreuzchen an den Platz, wo einst das Lindenblatt auflag.

Er darf es nicht entgelten,
wenn ich Brunhilden weh getan.

Er muß es entgelten, nach dem Gesetz, das sich an Siegfried und an jedem der Sippe erfüllt, zuerst an Brunhild, an Kriemhild zuletzt ...
Dreizehn Jahre später, aus Treue für ihren toten Mann, wird Kriemhild, als Hunnenkönigin und Etzels Frau, die treulose Mörderin an ihren Brüdern und deren Lehnsleuten.
Sie will an Hagen, dem "Mörder" Siegfrieds, Rache nehmen. Aber Hagen ist Burgund und der Hof von Burgund, den Kriemhild geladen hat.
Jeder einzelne steht für jeden ein. Ein grauenhaftes Gemetzel hebt an. Burgunder und Hunne bleiben zu Hunderten auf der Strecke. Etzels Burg gleicht einem Schlachthof eher als einem Königspalast. Zwei aber sind übriggeblieben, die einander und sich selber die Treue halten: Gunther und Hagen.

Die zur Furie gewordene Kriemhild fordert von Hagen den Nibelungenhort zurück, den dieser im Rhein versenkt hat. Hagen, todwund und immer noch aufrecht, weigert sich, den Ort zu nennen, solange sein König noch lebe. Da läßt Kriemhild ihrem Bruder Gunther den Kopf abschlagen und trägt ihn an den Haaren zu Hagen hin.

Hier aber bleibt ein Mann sich bis zum letzten selber treu, ohne daß es dieses Mal einer Lüge bedarf.
Du hast's nach deinem Willen zu Ende nun gebracht, und alles ist gekommen, wie ich daheim es mir ausgedacht. So ist nun vom Burgundenland der edle König tot, Giselher und Volker, Dankwart und Gerenot. Den Hort, den weiß nun keiner, als Gott und ich allein, der soll Dir Teufelsweibe auf ewig verborgen sein. Kriemhild erschlägt Hagen mit dem Schwert Balmung.
Und Hildebrand, Dietrich von Berns alter Waffenmeister, erschlägt Kriemhild, um unter das Morden einen Schlußstrich zu setzen.

... das war der Nibelungen Not.

Quelle: http://www.stud.uni-siegen.de/sebastian.holl/worms/nibelungen.html#nibelungen